Autor: Tamas Verdes

  • Zieloffene Suchtarbeit – 7 Grundprinzipien

    Zieloffene Suchtarbeit – 7 Grundprinzipien

    Die klassischen Angebote der Suchthilfe stehen zunehmend auf dem Prüfstand. Trotz jahrzehntelanger Ausrichtung auf Abstinenz als alleiniges Behandlungsziel erreicht das Suchthilfesystem nur einen Bruchteil der betroffenen Menschen – Schätzungen zufolge lediglich rund 15 %.

    Der Großteil suchtbelasteter Personen, häufig mit komplexem Multisubstanzkonsum und psychischen oder sozialen Zusatzproblemen, fühlt sich von rein abstinenzorientierten Konzepten nicht angesprochen – oder hat nach wiederholten Misserfolgen den Zugang zur Hilfe ganz verloren.

    An dieser Stelle setzt das Paradigma der Zieloffenen Suchtarbeit (ZOS) an. Es steht für einen tiefgreifenden Perspektivwechsel in der Suchthilfe: Nicht das vorgegebene Ziel der lebenslangen Abstinenz steht im Mittelpunkt, sondern das individuell gewählte Ziel der betroffenen Person – sei es Abstinenz, Konsumreduktion oder Schadensminderung. ZOS geht damit neue Wege in der Suchtbehandlung, eröffnet realitätsnahe Handlungsmöglichkeiten und fördert die Eigenverantwortung und Motivation der Klient*innen.

    Dieser Artikel zeigt auf, was Zieloffene Suchtarbeit bedeutet, wie sie sich von traditionellen Ansätzen unterscheidet, welche Haltung ihr zugrunde liegt – und wie sie in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann.

    Was ist Zieloffene Suchtarbeit?

    Zieloffene Suchtarbeit (ZOS) ist ein innovativer Ansatz in der Suchthilfe, der die Autonomie und Lebensrealität von Menschen mit problematischem Suchtmittelkonsum ins Zentrum stellt. Im Gegensatz zur traditionellen, abstinenzorientierten Behandlung gibt ZOS das Ziel der Veränderung nicht vor. Stattdessen wird mit den Betroffenen gemeinsam an dem Ziel gearbeitet, das sie sich selbst setzen – sei es die vollständige Abstinenz, eine Reduktion des Konsums oder eine Schadensminderung.

    ZOS erkennt an, dass viele Menschen mit langjähriger Suchtproblematik bereits intrinsisch motiviert sind, ihr Verhalten zu verändern – allerdings nicht immer im Sinne einer vollständigen Abstinenz. Oft möchten sie nur bei bestimmten Substanzen ihren Konsum einstellen oder reduzieren, während sie bei anderen keine Veränderung anstreben. So kann beispielsweise ein Mensch den Wunsch haben, bei Alkohol kontrollierter zu trinken, bei Crack abstinent zu leben und beim Tabakkonsum auf E-Zigaretten umzusteigen.

    Zieloffene Suchtarbeit ist dabei nicht nur eine Methode, sondern vor allem eine innere Haltung. Sie setzt auf Augenhöhe, Freiwilligkeit und individuelle Zielklärung. Die Fachkräfte verstehen es als ihren Auftrag, den Substanzkonsum aktiv zu thematisieren, gemeinsam mit den Klient*innen realistische Ziele zu erarbeiten und passende Unterstützungsangebote bereitzustellen.

    In diesem Verständnis wird ZOS zu einem umfassenden Paradigma, das in verschiedensten Handlungsfeldern Anwendung findet – von der Suchthilfe über die Sozialpsychiatrie bis hin zu Einrichtungen für Menschen mit Doppeldiagnosen oder in Wohnungsnot.

    Grundprinzipien und Haltung

    Im Zentrum der Zieloffenen Suchtarbeit steht eine grundlegende Haltung, die sich durch Offenheit, Respekt und Vertrauen in die Selbstbestimmung der Klient*innen auszeichnet. Fachkräfte, die nach dem ZOS-Prinzip arbeiten, geben keine Ziele vor, sondern begleiten Menschen dabei, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln und umzusetzen. Diese Haltung basiert auf einem humanistischen Menschenbild:

    Jeder Mensch weiß selbst am besten, was für ihn richtig und realistisch ist – auch im Umgang mit Suchtmitteln.

    ZOS distanziert sich bewusst vom paternalistischen Ansatz der traditionellen Suchthilfe, in dem Abstinenz als einzig sinnvolles Ziel vorgegeben wird. Stattdessen wird Veränderungsbereitschaft ernst genommen – auch wenn sie sich zunächst „nur“ auf eine Reduktion oder Stabilisierung des Konsums bezieht. Die Erfahrung zeigt: Ziele, die aus eigener Motivation entstehen, werden nachhaltiger verfolgt als solche, die von außen gesetzt werden.

    Ein weiterer zentraler Grundsatz ist die Akzeptanz unterschiedlicher Zielrichtungen. ZOS arbeitet mit drei gleichwertigen Zieldimensionen:

    • Abstinenz, wenn die Person komplett auf eine Substanz verzichten möchte,
    • Konsumreduktion, wenn ein kontrollierter oder geringerer Konsum angestrebt wird,
    • Schadensminderung, wenn es darum geht, die Risiken des Konsums zu minimieren, etwa durch sicherere Konsumformen oder Substitution.

    Diese Grundhaltung erfordert eine konsequente Reflexion der eigenen Werte und Überzeugungen seitens der Fachkräfte. Sie müssen bereit sein, die Kontrolle über den Zielprozess an die Klient*innen abzugeben – ohne sie alleine zu lassen. Statt Druck auszuüben, arbeiten sie beziehungsorientiert, motivierend und fachlich fundiert. Zieloffenheit ist damit nicht Beliebigkeit, sondern Ausdruck professioneller Haltung auf Augenhöhe.

    Methodik und Umsetzung in der Praxis

    Die Umsetzung der Zieloffenen Suchtarbeit erfolgt in einem klar strukturierten Prozess, der sich in drei zentrale Schritte gliedert:

    1. Systematische Bestandsaufnahme

    Zu Beginn wird gemeinsam mit der betroffenen Person eine Übersicht über alle konsumierten Substanzen und gegebenenfalls auch Verhaltenssüchte erstellt.

    Ziel ist es, ein umfassendes Bild des aktuellen Konsumverhaltens zu erhalten – nicht nur in Bezug auf die Hauptsubstanz, sondern auch auf sogenannte Begleit- oder Ersatzkonsummittel wie Nikotin, Medikamente oder illegale Drogen. Diese Erhebung erfolgt respektvoll und ohne Bewertung, idealerweise mit Hilfe von Instrumenten wie Konsumkarten oder Checklisten.

    2. Klärung individueller Konsumziele

    In einem nächsten Schritt werden für jede Substanz oder Verhaltensweise die Ziele desder Klientin erarbeitet. Dabei stehen verschiedene Optionen zur Verfügung:

    • keine Veränderung,
    • zeitweise oder dauerhafte Abstinenz,
    • Konsumreduktion,
    • Schadensminderung,
    • Unentschiedenheit (z. B. „Ich weiß es noch nicht“).

    Zur Zielklärung können strukturierte Hilfsmittel wie ein Kartenset mit Zieloptionen oder eine Ziel-Abklärungs-Checkliste eingesetzt werden. Diese Werkzeuge fördern die Selbstreflexion und erleichtern es, realistische und eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

    3. Auswahl und Durchführung passender Interventionen

    Basierend auf den gewählten Zielen werden geeignete Unterstützungsangebote bereitgestellt. Hierzu zählen zum Beispiel:

    • Kurzinterventionen,
    • ambulante Einzel- oder Gruppengespräche,
    • Programme zum kontrollierten Trinken,
    • Rauchentwöhnung oder Reduktionsangebote,
    • schadensminimierende Maßnahmen (z. B. Umstieg auf E-Zigarette, Substitution).

    Besonders wichtig: Die Interventionen orientieren sich nicht am „richtigen“ Weg aus Sicht der Fachkraft, sondern ausschließlich an den persönlichen Zielsetzungen der betroffenen Person. Gleichzeitig sollten Angebote für alle drei Zielrichtungen – Abstinenz, Reduktion und Schadensminderung – verfügbar und gleichwertig anerkannt sein.

    Grundlage dieses Prozesses ist oft die Methode des Motivational Interviewing (MI), eine Gesprächsführung, die Veränderungsbereitschaft „entlockt“ und fördert, ohne Druck auszuüben. Sie stärkt die Eigenmotivation, hilft bei der Klärung von Ambivalenzen und unterstützt dabei, einen passenden Veränderungsplan zu entwickeln.

    Zieloffene Suchtarbeit bedeutet in der Praxis also weit mehr als nur eine tolerante Haltung – sie erfordert Struktur, Fachkompetenz, methodische Klarheit und vor allem: Vertrauen in die Veränderungsfähigkeit der Menschen.

    Vorteile und Wirksamkeit

    Zieloffene Suchtarbeit bringt zahlreiche Vorteile mit sich – sowohl für die betroffenen Menschen als auch für Einrichtungen, Fachkräfte und das Suchthilfesystem insgesamt. Sie reagiert auf die Komplexität realer Lebenssituationen und bietet praktikable Wege zu mehr Teilhabe, Stabilität und Gesundheit.

    Größere Erreichbarkeit

    Da ZOS keinen Abstinenzdruck ausübt, spricht sie auch jene an, die sich mit dem Ziel völliger Abstinenz (noch) nicht identifizieren können oder wiederholt daran gescheitert sind. Das eröffnet insbesondere langjährig konsumierenden, mehrfach belasteten Personen einen niedrigschwelligen Zugang zur Hilfe.

    Erhöhte Motivation und Eigenverantwortung

    Die Arbeit an selbstgewählten Zielen stärkt die Selbstwirksamkeit der Klient*innen. Wer seine Ziele eigenständig formuliert, ist deutlich eher bereit, sich aktiv mit seinem Konsum auseinanderzusetzen und dranzubleiben – auch wenn Rückschläge auftreten. Dies reduziert Widerstand und erhöht die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

    Flexibilität und Individualisierung

    ZOS trägt der Tatsache Rechnung, dass sich Ziele im Verlauf einer Veränderung entwickeln können. Heute mag Konsumreduktion das Ziel sein, morgen vielleicht doch Abstinenz. Die Möglichkeit, Ziele jederzeit anzupassen, schafft Raum für Entwicklung statt starrer Vorgaben.

    Höhere Therapieadhärenz und Stabilität

    Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass Menschen, die in zieloffenen Settings betreut werden, tendenziell länger in Behandlung bleiben, sich eher auf Angebote einlassen und nachhaltigere Veränderungen erreichen – auch über das Konsumverhalten hinaus (z. B. Wohnsituation, psychische Stabilität).

    Ethik und Menschenwürde

    Zieloffene Suchtarbeit respektiert die Würde und Autonomie jedes Einzelnen. Sie begegnet Betroffenen nicht mit Normen und Sanktionen, sondern mit Empathie, Respekt und Vertrauen in die Veränderungsfähigkeit. Gerade in schwierigen Lebenslagen kann diese Haltung einen entscheidenden Unterschied machen.

    Zusammengefasst: ZOS bietet realistische Chancen auf Veränderung – für viele Menschen, die sonst von Hilfesystemen ausgeschlossen oder enttäuscht worden wären. Damit ist sie nicht nur wirksam, sondern auch notwendig.

    Beispiele aus der Praxis

    Die Zieloffene Suchtarbeit hat sich in verschiedenen Praxisfeldern und Einrichtungen erfolgreich etabliert. Zwei besonders eindrucksvolle Beispiele zeigen, wie unterschiedlich – und wirkungsvoll – ZOS umgesetzt werden kann: im Rahmen eines regionalen Netzwerks in Bayern sowie in einer stationären Einrichtung in der Schweiz.

    Diakonie NAH e. V. (Nürnberger Land & Neumarkt)

    Seit 2017 verfolgt die Diakonie NAH e. V. einen umfassenden Organisationsentwicklungsprozess zur Einführung der Zieloffenen Suchtarbeit in Suchthilfe, Sozialpsychiatrie und Ambulant Unterstütztem Wohnen. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass abstinenzorientierte Konzepte viele Klient*innen nicht erreichen – insbesondere jene mit komplexen Problemlagen, Wohnungslosigkeit oder Doppeldiagnosen.

    Die praktische Umsetzung erfolgt einrichtungsübergreifend mit klaren Standards:

    • Konsum- und Zielklärung mithilfe von Kartensets und Checklisten,
    • Integration von „Kontrolliertem Trinken“ als anerkanntem Reduktionsangebot,
    • konsequente Schulung der Mitarbeitenden in motivierender Gesprächsführung,
    • veränderte Aufnahmekriterien z. B. in Wohngemeinschaften, wo Rückfälle nicht mehr automatisch zum Ausschluss führen,
    • regelmäßige Fallbesprechungen und Schnittstellenmanagement zwischen Fachstellen.

    Besonders deutlich wird der Paradigmenwechsel im Ambulant Unterstützten Wohnen: Während früher Abstinenz Voraussetzung für die Aufnahme war, orientiert sich die Hilfe heute an den individuellen Zielen – auch dann, wenn diese (noch) Konsum beinhalten. Diese Haltung stärkt Vertrauen, erhöht die Verbindlichkeit und reduziert Rückzugsverhalten der Klient*innen.

    Wohnheim Sonnenburg (Schweiz)

    Ein weiteres Beispiel bietet das Wohnheim Sonnenburg im Kanton Thurgau. Dort leben alkoholkranke Männer mit teils gravierenden psychischen und somatischen Begleitdiagnosen. Statt auf Abstinenz zu bestehen, erlaubt und begleitet das Haus den Alkoholkonsum professionell – mit individueller Vereinbarung zur Menge, zur Art des Getränks und zum Umgang mit Beikonsum.

    Die zentrale Haltung lautet: Alkoholkranke Menschen verdienen Akzeptanz und Fürsorge – auch wenn Abstinenz keine realistische Option ist. In der Sonnenburg geht es nicht um Kontrolle, sondern um Stabilisierung, Entlastung und Lebensqualität. Dabei kommen medizinethische Prinzipien wie Respekt vor Autonomie, Nicht-Schaden und aktive Fürsorge gezielt zum Tragen.

    Regelmäßige Standortgespräche, motivierende Gesprächsführung und klare Regeln (z. B. Punktabstinenz in Gemeinschaftsbereichen) sichern einen respektvollen, stabilen Alltag für alle Beteiligten – auch für abstinent lebende Mitbewohner.

    Diese beiden Beispiele zeigen: Zieloffene Suchtarbeit ist kein Nischenkonzept, sondern in der Praxis umsetzbar – vielfältig, differenziert und wirkungsvoll.

    Herausforderungen und Rahmenbedingungen

    Die Einführung und Umsetzung Zieloffener Suchtarbeit bringt nicht nur Chancen, sondern auch klare Herausforderungen mit sich – auf fachlicher, institutioneller und politischer Ebene. Der Paradigmenwechsel betrifft dabei nicht nur einzelne Methoden, sondern das gesamte Selbstverständnis von Einrichtungen und Fachkräften.

    Veränderung der Haltung und Fachkultur

    Eine der größten Herausforderungen liegt in der konsequenten Reflexion und ggf. Abkehr von abstinenzfixierten Denkmustern. Viele Fachkräfte wurden über Jahre hinweg im Sinne eines „Abstinenzgebots“ ausgebildet. Zieloffenes Arbeiten verlangt hingegen ein hohes Maß an Selbstreflexion, Ambiguitätstoleranz und die Bereitschaft, Macht abzugeben – zugunsten von echter Augenhöhe.

    Strukturelle Anforderungen in Einrichtungen

    ZOS erfordert passende Rahmenbedingungen: ausreichend geschultes Personal, differenzierte Behandlungsangebote für alle Zielrichtungen, geeignete Dokumentationssysteme und eine Kultur, in der auch Rückfälle bearbeitet – nicht sanktioniert – werden. Besonders in stationären Settings müssen Aufnahmebedingungen, Hausordnungen und interne Prozesse überprüft und angepasst werden.

    Kooperations- und Schnittstellenarbeit

    In Einrichtungen mit multiprofessionellen Teams und verschiedenen Arbeitsfeldern (z. B. Suchthilfe, Sozialpsychiatrie, Wohnen) braucht es abgestimmte Konzepte, klare Zuständigkeiten und gemeinsame Sprache. Das gelingt nur durch regelmäßige Fallbesprechungen, gezielte Hospitationen und interdisziplinäre Projektgruppen.

    Finanzierung und Leistungssysteme

    Ein oft übersehener Aspekt: Viele Finanzierungsmodelle (z. B. der Rentenversicherung) verlangen explizit abstinenzorientierte Behandlungsziele. Um ZOS langfristig zu verankern, müssen auch Leistungsträger bereit sein, Reduktions- und Schadensminderungsangebote als gleichwertig anzuerkennen – und entsprechend zu finanzieren.

    Gesellschaftliche und politische Akzeptanz

    Zieloffene Ansätze stoßen nicht selten auf Skepsis: Wird nicht „alles erlaubt“? Führt das nicht zu Rückschritt statt Fortschritt? Diese Fragen zeigen den hohen Aufklärungsbedarf gegenüber Öffentlichkeit, Politik und manchmal auch gegenüber der Selbsthilfe. Umso wichtiger ist eine transparente Kommunikation über Ziele, Grenzen und Erfolge der ZOS.

    Zieloffene Suchtarbeit ist damit kein einfaches „Mehr“ an Möglichkeiten – sondern ein bewusster, strukturierter und ethisch fundierter Wandel. Und dieser Wandel muss auf allen Ebenen mitgetragen werden.

    Fazit und Ausblick

    Die Zieloffene Suchtarbeit markiert einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Suchthilfe. Sie verabschiedet sich vom „Alles oder nichts“-Prinzip der Abstinenzorientierung und ersetzt es durch eine differenzierte, lebensnahe und menschenwürdige Herangehensweise. Im Mittelpunkt steht nicht ein dogmatisch gesetztes Ziel, sondern der Mensch mit seiner individuellen Geschichte, seinen Ressourcen – und seiner eigenen Vorstellung von Veränderung.

    ZOS ermöglicht damit neue Zugänge für Menschen, die bislang vom Hilfesystem kaum oder nur kurzfristig erreicht wurden. Sie fördert Motivation, stärkt Selbstverantwortung und schafft realistische Perspektiven – auch in komplexen Lebenssituationen. Gleichzeitig erfordert sie einen hohen Grad an fachlicher Kompetenz, institutioneller Offenheit und struktureller Anpassung.

    Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Zieloffene Suchtarbeit ist wirksam, umsetzbar und ethisch fundiert. Sie verbessert die Beziehungsqualität zwischen Fachkräften und Klient*innen, erhöht die Reichweite von Angeboten und trägt zu nachhaltiger Stabilisierung bei – sei es durch Abstinenz, Konsumreduktion oder Schadensminderung.

    Für die Zukunft stellt sich nicht mehr die Frage, ob ZOS gebraucht wird – sondern, wie sie flächendeckend und systematisch implementiert werden kann. Dazu braucht es nicht nur engagierte Fachkräfte, sondern auch politische Weichenstellungen, finanzielle Unterstützung und eine Suchthilfe, die bereit ist, sich weiterzuentwickeln.

    Zieloffenheit ist keine Schwäche. Sie ist Ausdruck professioneller Stärke, praktizierter Ethik – und eines respektvollen Umgangs mit der Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe.

    Quellen und weiterführende Literatur

    Die Inhalte dieses Artikels basieren ausschließlich auf folgenden Fachquellen:

    • Körkel, Joachim (2018): Zieloffenheit als Grundprinzip in der Arbeit mit Suchtkranken: Was denn sonst? In: Rausch. Zeitschrift für Suchttherapie, Jahrgang 7, Heft 1, S. 95–103.
      → Grundlagentext zur Theorie und Praxis Zieloffener Suchtarbeit, inklusive Methoden, Haltung und Abgrenzung zu klassischen Behandlungsparadigmen. Mehr Info.
    • ZOS-Konzept der Diakonie NAH e. V. (2023): Konzeption – Zieloffene Suchtarbeit in der Suchthilfe und Sozialpsychiatrie Nürnberger Land / Neumarkt.
      → Detaillierte Darstellung eines Organisationsentwicklungsprozesses zur Implementierung von ZOS in unterschiedlichen Arbeitsfeldern (Suchthilfe, Sozialpsychiatrie, Wohnen).
    • Wohnheim Sonnenburg (o. J.): Zieloffene Suchtarbeit – Alkoholkonsum erlauben und professionell begleiten.
      → Praxisbericht aus der Schweiz über die Umsetzung von ZOS in einem stationären Setting mit kontrollierter Alkoholabgabe und individueller Begleitung.
  • Was ist kontrolliertes Trinken? Eine wirksame Alternative zur Abstinenz bei Alkoholproblemen

    Was ist kontrolliertes Trinken? Eine wirksame Alternative zur Abstinenz bei Alkoholproblemen

    Wissenschaftliche Erkenntnisse und therapeutische Erfahrungen zeigen deutlich: Kontrolliertes Trinken (KT) ist eine realistische und wirksame Alternative – insbesondere für Menschen, die (noch) nicht abstinenzmotiviert sind. Dieser Artikel beleuchtet, warum eine zieloffene Herangehensweise mehr Chancen bietet als ein starres Festhalten an der Abstinenz.

    Einleitung: Kontrolliertes Trinken

    Dieser Beitrag zeigt, warum kontrolliertes Trinken ein sinnvoller Weg für viele ist, die ihren Alkoholkonsum verändern wollen, aber keinen vollständigen Verzicht anstreben.

    In vielen Ländern Europas – darunter auch Deutschland – gilt Abstinenz nach wie vor als einzig akzeptables Therapieziel bei Alkoholproblemen. Schon zu Beginn einer Behandlung wird häufig die vollständige Alkoholabstinenz gefordert. Für viele Betroffene stellt dies jedoch eine hohe Hürde dar. Die Folge: Nur ein Bruchteil der Alkoholabhängigen – weniger als 10 % – nimmt spezialisierte Hilfe in Anspruch.

    In anderen Ländern ist man bereits weiter. In Großbritannien, Australien, den Niederlanden oder Skandinavien ist die Konsumreduktion längst ein etabliertes Therapieziel. Auch die European Medicines Agency (EMA) erkennt seit 2010 die Reduktion der Trinkmenge als valides Behandlungsziel. Zieloffene Angebote können dabei helfen, deutlich mehr Menschen zu erreichen – insbesondere jene, die auf eine sofortige Abstinenzforderung mit Rückzug oder Vermeidung reagieren.

    Fazit: Die ausschließliche Orientierung an Abstinenz schließt viele Menschen von Hilfe aus. KT ist ein praktikabler Weg für alle, die (noch) nicht vollständig verzichten können oder wollen. Zieloffene Therapieansätze erreichen mehr Menschen – und führen langfristig oft zur Abstinenz.

    Was bedeutet „Kontrolliertes Trinken“?

    Kontrolliertes Trinken (KT) heißt nicht einfach: „ein bisschen weniger trinken“. Es geht vielmehr um selbstgesetzte Regeln, die den Alkoholkonsum bewusst begrenzen. Wer kontrolliert trinken möchte, legt im Voraus fest,

    • wie viele Gläser pro Tag oder Woche erlaubt sind,
    • an welchen Tagen ganz auf Alkohol verzichtet wird,
    • und wie mit Risikosituationen (z. B. Feiern, Stress) umgegangen werden soll.

    KT ist also ein planvoller, regelgeleiteter Umgang mit Alkohol – keine spontane Entscheidung „aus dem Bauch heraus“.

    Ein zentraler Bestandteil vieler Programme ist das Führen eines Trinktagebuchs. Dabei wird jede alkoholische Einheit notiert – nicht zur Kontrolle durch andere, sondern zur Selbstbeobachtung und Reflexion.

    Abgrenzung zu anderen Konsumformen

    Es ist wichtig, KT vom sogenannten „normalen“ oder „sozialen“ Trinken zu unterscheiden. Denn Normalkonsumenten trinken in der Regel spontan und ohne Konsumregeln – und gerade das ist bei Alkoholabhängigkeit nicht mehr zielführend.

    Ebenso wenig meint KT bloß, „ein bisschen weniger zu trinken“. Die Grenze zwischen problematischem und risikoarmem Konsum wird bewusst definiert – oft mit konkreten Mengenangaben. Zur Einschätzung des Konsums kann es hilfreich sein, die Risikostufen der WHO zu kennen.

    RisikostufeMänner (g/Tag)Frauen (g/Tag)
    Niedriges Risiko1–401–20
    Mittleres Risiko41–6021–40
    Hohes Risiko61–10041–60
    Sehr hohes Risiko>100>60

    KT ist also keine Einladung zum „weitertrinken“, sondern ein strukturierter Weg, wieder Kontrolle über den Konsum zu gewinnen – mit dem langfristigen Ziel der Veränderung.

    Fazit: KT bedeutet: trinken nach selbstgewählten Regeln, nicht nach Gewohnheit oder Situation. Es geht um bewusste Begrenzung – oft durch Trinktagebuch, Wochenziele und alkoholfreie Tage. KT unterscheidet sich klar vom „weniger trinken“ oder „normal trinken“.

    Für wen ist Kontrolliertes Trinken geeignet?

    Zielgruppe und Voraussetzungen

    Kontrolliertes Trinken (KT) richtet sich an Menschen mit riskantem, schädlichem oder auch abhängigem Alkoholkonsum. Wichtig ist dabei nicht die Diagnose, sondern die Motivation zur Veränderung. Studien zeigen: Auch viele Alkoholabhängige profitieren von KT – sogar Menschen mit chronischer Abhängigkeit.

    KT ist besonders dann sinnvoll, wenn jemand

    • seinen Konsum problematisch erlebt,
    • aber (noch) nicht abstinenzbereit ist,
    • und bereit ist, Verantwortung für das eigene Trinkverhalten zu übernehmen.

    Zwei zentrale Erfolgsfaktoren

    Ob eine KT-Behandlung Erfolg hat, hängt nicht nur vom Konsummuster ab. Entscheidend sind zwei persönliche Voraussetzungen:

    1. Zielentscheidung:
      Die klare Entscheidung für ein Konsumziel (z. B. Maximalmenge pro Woche). Menschen, die selbstbestimmt ein KT-Ziel wählen, halten sich eher daran als jene, denen es vorgegeben wird.
    2. Selbstwirksamkeit:
      Die Überzeugung, das Ziel auch wirklich erreichen zu können. Wer glaubt, dass Veränderung möglich ist, bleibt länger motiviert und zeigt seltener Rückfälle.

    Auch in der Praxis zeigt sich: Viele Menschen wählen zunächst KT – und wechseln später freiwillig in die Abstinenz, sobald sie merken, dass der Konsum nicht (mehr) kontrollierbar ist.

    Fazit: KT ist für Menschen geeignet, die Probleme mit Alkohol haben, aber (noch) keine Abstinenz wollen. Zwei Faktoren sind entscheidend: ein klares Ziel – und Vertrauen in die eigene Veränderungsfähigkeit. Auch viele Alkoholabhängige profitieren von KT – manchmal ist es sogar der Weg in die Abstinenz.

    Wie wirkt Kontrolliertes Trinken?

    Reduktion von Konsum und Rückfällen

    Kontrolliertes Trinken (KT) kann den Alkoholkonsum deutlich senken – sowohl in Menge als auch in Häufigkeit. Studien und Metaanalysen zeigen: Wer ein KT-Programm durchläuft, trinkt weniger, hat seltener Rückfälle und konsumiert seltener in riskanten Situationen.

    Die positiven Effekte zeigen sich auch bei Menschen mit Abhängigkeit – und halten oft über ein Jahr hinaus an. In einer Übersichtsarbeit lag die durchschnittliche Erfolgsquote (Trinkmengenreduktion oder Übergang zur Abstinenz) bei ca. 65 %.

    KT ist also keine kurzfristige Lösung, sondern kann – bei guter Anleitung und Motivation – eine nachhaltige Verhaltensänderung ermöglichen.

    Mehr Lebensqualität und psychische Stabilität

    Neben der reinen Konsumreduktion verbessert KT oft auch das psychische Wohlbefinden. Beobachtet wurden unter anderem:

    • weniger Angst- und Depressionssymptome,
    • mehr Selbstwertgefühl,
    • höhere Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

    Diese Effekte sind vergleichbar mit jenen abstinenzorientierter Therapien. In einigen Studien zeigten sich sogar Vorteile: Teilnehmer an KT-Programmen blieben öfter in der Behandlung und berichteten von einem höheren Zugewinn an Kontrolle und Selbstbestimmung.

    Fazit: KT reduziert effektiv Trinkmenge, Rückfälle und Alkoholkonsum in Risikosituationen. Es steigert das Wohlbefinden, den Selbstwert und die Lebensqualität – auch bei Alkoholabhängigen. Die Wirkung ist vergleichbar mit Abstinenzprogrammen – manchmal sogar nachhaltiger.

    Welche Methoden gibt es?

    Strukturierte Programme für mehr Selbstkontrolle

    Das bekannteste und wirksamste Verfahren im Bereich des kontrollierten Trinkens ist das Behavioral Self-Control Training (BSCT). Dieses verhaltenstherapeutisch fundierte Programm vermittelt konkrete Strategien zur Konsumkontrolle.

    Typische Inhalte von BSCT sind:

    • wöchentliche Zielvereinbarungen (z. B. Maximalmenge, alkoholfreie Tage),
    • das Führen eines Trinktagebuchs,
    • Strategien zur Vermeidung von Risikosituationen (z. B. langsamer trinken, Pausen einlegen),
    • Aufbau alkoholfreier Alternativen zur Stressbewältigung und Freizeitgestaltung.

    KT-Programme regen auch dazu an, Phasen der Abstinenz auszuprobieren – nicht als Zwang, sondern als Option. Viele Teilnehmende wechseln auf diesem Weg später freiwillig in die vollständige Abstinenz.

    Vielfältige Anwendungsformen

    Kontrolliertes Trinken kann auf verschiedene Weise umgesetzt werden – je nach Bedarf und Lebenssituation:

    • Selbsthilfemanuale („Bibliotherapie“):
      Strukturierte Arbeitshefte oder Online-Programme, z. B. mit Trinktagebuch und Wochenzielen.
    • Einzel- und Gruppentherapie:
      Manualisierte Sitzungen mit therapeutischer Begleitung – meist über 6 bis 12 Wochen.
    • Selbsthilfegruppen:
      In den USA z. B. „Moderation Management“ (MM); im deutschsprachigen Raum Gruppen auf Basis des ambulanten Gruppenprogramms zum kontrollierten Trinken.
    • Ärztliche Kurzinterventionen:
      Vor allem bei riskantem Konsum ohne Abhängigkeitsdiagnose wirksam – z. B. mit Feedback und Handlungsempfehlungen.

    Das Prinzip der „stepped care“ hat sich dabei bewährt: Man beginnt mit einer einfachen Maßnahme (z. B. Selbsthilfemanual) und steigert die Intensität bei Bedarf – z. B. durch Einzeltherapie oder Gruppenangebote.

    Fazit: BSCT ist die wissenschaftlich am besten erforschte Methode zur Konsumkontrolle. KT kann in Selbsthilfe, Einzel- oder Gruppensettings umgesetzt werden – auch online. Das Prinzip: so einfach wie möglich beginnen – und schrittweise intensivieren.

    Was sagt die Wissenschaft?

    Studienlage zur Wirksamkeit von Kontrolliertem Trinken

    Zahlreiche Studien und Metaanalysen belegen eindeutig: Kontrolliertes Trinken (KT) ist wirksam – sowohl bei nicht-abhängigem als auch bei abhängigem Alkoholkonsum.

    Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

    • KT reduziert signifikant die Trinkmenge und die Zahl schwerer Trinktage.
    • Rückfälle werden seltener und schwächer.
    • Die Erfolgsquote (Konsumreduktion oder Übergang zur Abstinenz) liegt im Schnitt bei etwa 65 % nach einem Jahr.

    In vielen Studien zeigte sich: KT ist mindestens genauso wirksam wie klassische Abstinenzprogramme – in manchen Fällen sogar nachhaltiger.

    KT wirkt auch bei Alkoholabhängigkeit

    Ein weitverbreiteter Irrtum lautet: „KT funktioniert nur bei leichten Fällen.“ Die Forschung zeigt das Gegenteil: Auch schwer alkoholabhängige Personen profitieren von KT – vorausgesetzt, sie sind motiviert und erhalten strukturierte Unterstützung.

    Entscheidend für den Erfolg sind nicht die Diagnose oder die Trinkmenge, sondern:

    • die freiwillige Zielentscheidung und
    • das Vertrauen in die eigene Veränderungsfähigkeit.

    Langzeitstudien zeigen zudem: Viele Menschen, die mit KT beginnen, bleiben über Jahre hinweg stabil – entweder mit reduziertem Konsum oder in Abstinenz.

    Fazit: KT ist wissenschaftlich gut belegt – mit Erfolgsquoten um 65 %. Es wirkt auch bei Alkoholabhängigkeit – nicht nur bei „Problemtrinkern“. Entscheidend sind Motivation, Zielentscheidung und passende Begleitung.

    Warum nicht alle auf Kontrolliertes Trinken setzen?

    Missverständnisse und Widerstände

    Trotz guter Studienlage bleibt kontrolliertes Trinken (KT) in vielen Bereichen der Suchthilfe umstritten. Ein Grund dafür ist das tief verwurzelte Abstinenzparadigma, das viele Behandler und Institutionen prägt.

    Typische Einwände gegen KT:

    • „Das ist Selbstbetrug – man macht sich etwas vor.“
    • „KT ist gefährlich – das endet zwangsläufig im Rückfall.“
    • „Nur vollständige Abstinenz ist ein sicheres Ziel.“

    Diese Sichtweise stammt häufig aus Selbsthilfegruppen mit 12-Schritte-Tradition (z. B. Anonyme Alkoholiker), die Abstinenz als einzigen Weg betrachten. Auch viele Fachkräfte übernehmen dieses Denken – oft unbewusst.

    Strukturelle Hindernisse

    Neben persönlichen Überzeugungen gibt es auch strukturelle Gründe dafür, dass KT selten angeboten wird:

    • KT ist in vielen Einrichtungen nicht vorgesehen oder sogar untersagt.
    • Kostenträger fördern fast ausschließlich Abstinenzprogramme.
    • In Ausbildung und Leitlinien wird KT kaum vermittelt.

    Dabei zeigen internationale Beispiele (z. B. Großbritannien, Niederlande): Wo KT professionell angeboten wird, erreicht man mehr Menschen – auch solche, die sonst nie in Behandlung gehen würden.

    Fazit: KT stößt auf Vorurteile: Viele halten es für gefährlich oder „nicht ehrlich“. Traditionelle Abstinenzmodelle dominieren weiterhin die Suchthilfe. Strukturell fehlen oft Angebote, Finanzierung und Ausbildung für KT.

    Ethische, therapeutische und gesellschaftliche Überlegungen

    Zieloffenheit statt Zwang

    Ein zentrales ethisches Argument für kontrolliertes Trinken (KT) ist: Behandlung darf nicht am Willen der Betroffenen vorbeigehen. Menschen haben das Recht, ihr Veränderungsziel selbst zu wählen – auch wenn es (noch) nicht Abstinenz ist.

    Das Prinzip lautet: „Sollen setzt Können voraus“ – also: Man darf niemanden zu etwas verpflichten, was er im Moment nicht leisten kann. Für viele ist Abstinenz (noch) kein realistisches Ziel. Eine Reduktion ist oft der erste erreichbare Schritt, der Motivation aufbauen kann.

    Mehr Motivation durch Wahlfreiheit

    Menschen arbeiten erfolgreicher an ihren Zielen, wenn sie:

    • selbst entscheiden dürfen,
    • ernst genommen werden,
    • und ihre Erfahrungen offen mitteilen können.

    KT bietet diese Offenheit – im Gegensatz zu rigiden Abstinenzmodellen, wo häufig „alles oder nichts“ gilt. In der Praxis führt Zieloffenheit zu ehrlicherer Kommunikation, stärkerer Kooperation und besseren Langzeitergebnissen.

    Öffnung des Systems = Öffnung für mehr Menschen

    Die meisten Menschen mit Alkoholproblemen tauchen nie im Hilfesystem auf – aus Angst vor der Abstinenzforderung, vor Stigmatisierung oder vor Kontrollverlust. KT kann helfen, diese Barrieren abzubauen und mehr Betroffene frühzeitig zu erreichen – bevor aus einem Problem eine chronische Erkrankung wird.

    Fazit: KT respektiert den Willen der Betroffenen – und das ist ethisch wie therapeutisch sinnvoll. Zieloffenheit fördert Motivation, Ehrlichkeit und Veränderungsbereitschaft. Ein offenes Behandlungssystem erreicht mehr Menschen – und kann Chronifizierungen verhindern.

    Kontrolliertes Trinken als sinnvoller Weg für viele

    Keine Konkurrenz zur Abstinenz – sondern Ergänzung

    Kontrolliertes Trinken (KT) ist keine Verharmlosung von Alkoholproblemen – sondern eine ernstzunehmende, wissenschaftlich fundierte Alternative. Es richtet sich an Menschen, die (noch) nicht abstinenzbereit sind, aber trotzdem etwas verändern wollen.

    KT steht nicht im Widerspruch zur Abstinenz. Im Gegenteil: Viele Betroffene nutzen KT als Einstieg in den Veränderungsprozess – und entscheiden sich später freiwillig für einen alkoholfreien Lebensstil. Abstinenz und Reduktion sollten daher gleichwertige Optionen im Suchthilfesystem sein.

    Realistische Ziele, echte Chancen

    KT ermöglicht individuelle Ziele, die erreichbar sind. Es fördert Selbstverantwortung, Motivation und Lebensqualität. Vor allem aber: Es öffnet die Tür für Menschen, die sonst keine Hilfe in Anspruch nehmen würden.

    Ein modernes Suchthilfesystem braucht deshalb beides:

    • Angebote für Abstinenzwillige,
    • und Angebote für alle anderen – ohne Druck, aber mit Struktur und Perspektive.

    Fazit: KT ist eine wirksame und wissenschaftlich belegte Option – besonders für nicht-abstinenzbereite Personen. Es ergänzt Abstinenzprogramme und kann langfristig zur vollständigen Veränderung führen. Ein offenes Hilfesystem braucht Wahlmöglichkeiten – statt Entweder-oder.

    Wissenschaftliche Grundlage und empfohlene Lektüre

    Dieser Artikel basiert ausschließlich auf evidenzbasierten Quellen und anerkannten Fachpublikationen zum Thema „Kontrolliertes Trinken“. Eine zentrale Rolle spielt dabei die jahrzehntelange Forschungsarbeit von Prof. Dr. Joachim Körkel, einem der führenden Experten auf diesem Gebiet.

    Zu den wichtigsten Referenzen gehören:

    • Körkel, J. (2015): Kontrolliertes Trinken bei Alkoholkonsumstörungen: Eine systematische Übersicht. In: Sucht, 61(3), 147–174.
      → Eine umfassende Darstellung der Konzeptentwicklung, Wirksamkeit und Umsetzung in der Praxis.
    • Körkel, J. & Soyka, M. (2005): Kontrolliertes Trinken – Pro und Kontra. In: Psychiatrische Praxis, 32, 324–326.
      → Eine vielzitierte Debatte zur ethischen und klinischen Einordnung des Ansatzes.
    • Mann, K. & Körkel, J. (2013): Trinkmengenreduktion: ein ergänzendes Therapieziel bei Alkoholabhängigen? In: Psychopharmakotherapie, 20(5), 193–198.
      → Argumente für eine Öffnung des therapeutischen Zielrahmens.
    • Eddie, D. et al. (2022): Abstinence versus moderation recovery pathways… In: Alcohol Clinical and Experimental Research, 46(2), 312–325.
      → US-weite Daten zur Lebensqualität nach abstinenten und reduzierten Konsumverläufen.
    • Meili, D. et al. (2004): Jenseits des Abstinenzparadigmas – Ziele in der Suchttherapie. In: Suchttherapie, 5(1), 2–9.
      → Plädoyer für ein realitätsnahes, differenziertes Zielsystem in der Suchthilfe.

    Häufig gestellte Fragen (FAQ)

    Ist kontrolliertes Trinken bei Alkoholabhängigkeit überhaupt möglich?

    Ja – wissenschaftliche Studien zeigen, dass auch viele Abhängige ihren Konsum erfolgreich kontrollieren können, wenn sie gut begleitet werden.

    Ist kontrolliertes Trinken nicht gefährlich oder ein Selbstbetrug?

    Nein. KT basiert auf klaren Regeln und Selbstbeobachtung – es ist das Gegenteil von Verdrängung. Viele Menschen nutzen es als Einstieg in eine dauerhafte Veränderung.

    Kann man später von KT zur Abstinenz wechseln?

    Ja, das passiert häufig. Viele beginnen mit KT und entscheiden sich später freiwillig für vollständige Abstinenz.

    Gibt es KT auch als Gruppentherapie oder Online-Programm?

    Ja – KT wird in Einzel- oder Gruppensettings sowie als Selbsthilfe oder Online-Angebot durchgeführt.

    Wo finde ich praktische Materialien zum Einstieg?

    Unter www.kontrolliertes-trinken.de gibt es kostenfreie Infomaterialien, Selbsttests und Übungsprogramme.

  • Erlebnisbericht: So verlief der Bayrische Glücksspielkongress

    14. mal wurde der Landes-Glücksspiel-Kongress in München ausgetragen. Der Veranstalter war die Bayrische Akademie für Sucht-und Gesundheitsfragen. Es folgt ein Erlebnisbericht.

    Die Akademie agiert seit 1997, zurzeit ist sie eine der größten fachlichen Organisationen des Bundeslandes. Das Ziel ist es, fachliche Innovationen ins Versorgungssystem einzuführen, so wie ein fachliches Forum für die Angestellten zu gewährleisten, die auf dem Gebiet der Suchtbehandlung arbeiten. Der Glückspiel-Kongress findet jährlich statt. Es war das erste Mal, dass ich teilgenommen habe.

    Die besten Vorträge waren

    • Veronika Möller: Die Rolle von Politik und Lobbyismus beim Glücksspiel in Deutschland
    • Prof. Moritz Mosenhauer, PhD: Trigger-Happy Trading: Glücksspiel am Aktienmarkt
    • Andreas Bickl & Bianca Pitzschel: Versorgungssituation von Menschen mit Glücksspielproblemen in der ambulanten Suchthilfe in Bayern
    • Jean-Christoph Schwager: Pathologisches Glücksspiel im Alter
    • Dr. Monika Vogelgesang: Therapie und Beratung glücksspielabhängiger Frauen

    Veronika Möller zeigte, in welcher Form sich die Akteure der Glücksspielindustrie bemühen, in der politischen Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen. Die Personen der Glücksspielindustrie sind nicht nur bestrebt in der Entscheidungsfindung mitzureden, sondern beteiligen sich auch an der finanziellen Unterstützung der Bundestagsparteien.

    Veronika Möller: Aussagen zur Glückspielpolitik in Landestagwahlprogrammen

    Veronika Müller stellte den im Jahr 2023 veröffentlichten Gesundheitsatlas vor, der, die Gesundheit von Deutschland betreffend, die Ausbreitung des Glücksspiels und die vielfältigen Formen dessen aufzeigt. Die Publikation ist auch online verfügbar: überaus umfassend, ein informatives Werk über die Situation in Deutschland im Hinblick auf das Glücksspiel.

    Spenden der Glückspielindustrie an Partien, 2019-2021 (Glückspielatlas 2023, Seite 121.)

    Prof. Moritz Mosenhauer, sprach darüber, wie im Börsenhandel das Motiv Glückspiel erscheint. Unter den Händlern finden sich auch Glücksspieler: diese spielen kein Black Jack oder Poker, sondern treiben mit Aktien Glücksspiel.

    Es ist nachweisbar, dass je mehr das Motiv Glücksspiel bei jemandem im Handel präsent ist, desto schlechter ist sein Portfolio. Oder, wie auf dem unteren Bild deutlich erkennbar ist, wird der Tageshandel (day trading) im  irrational großem Verhältnis gewählt.

    Vergleich von Handelsaktivitäten zwischen Verschiedenen Motiven

    Das Thema Einwanderung kam auch zum Vorschein. Seit dem Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges leben z.B. in Deutschland mehr als eine Million ukrainische Flüchtlinge und viele von ihnen erscheinen im Sucht-Versorgungssystem. Viele kommen auch aus Afrika.  Momentan ist jeder 4. Klient in Bayern ein Einwanderer oder Geflüchtete. 

    Von meiner Seite aus sind die Empathie und die Offenheit ehrenwert, wie die Deutschen die Geflüchteten versorgen und ihnen helfen. Dr. Monika Vogelsang sprach vorrangig über die Unterschiede der Geschlechter und hielt einen Vortrag über die Lage und Therapie der Frauen, die mit Glücksspielsucht kämpfen.

    Andreas Bickl und Bianca Pitzschel stellten die Schichtung und die Lage des Bayrischen Versorgungssystem vor.

    Dr. Monika Vogelsang

    Im Vergleich zu Männern, stellt man bei Frauen im größeren Verhältnis eine Traumatisierung oder einen Missbrauch im Hintergrund der Spielsucht fest. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass das Spiel an sich keine Erleichterung darstellt: viele von ihnen spielen, weil sie in Spielhallen Gesellschaft finden, sich nicht alleine fühlen und nett bedient werden. Es ist auch interessant, das die Frauen zwar mehr Zeit mit Spielen verbringen, jedoch weniger Geld verlieren und einen kleineren Schuldenberg anhäufen. 

    Jean. Christoph Schwager hielt einen Vortrag über die altersbedingte Spielsucht.

    Er brachte Fallstudien mit und an diesen zeigte er die spezifischen Probleme im Alter. Das fortgeschrittene Alter ist ein besonders gefährliches Lebensalter im Hinblick auf die Spielsucht: der Austritt aus der Arbeitswelt, die Umstellung des Tagesrhythmus, wenn die Kinder das Familiennest verlassen, und die Einsamkeit machen das Spielen anziehend.

    Im Vergleich zu den Jüngeren durchleben die Älteren eine größere Scham, verheimlichen ihre Spielsucht besser. Deswegen ist es besonders wichtig, dass man Möglichkeiten zur Vorbeugung für älter werdende Menschen schafft. 

    Was mir ausgesprochenermaßen gut gefallen hat: 

    • Das Ereignis war offline, zum Teil habe ich es auch deshalb gewählt. Ich sitze genug vor dem Computer und ich wollte nicht online teilnehmen. Hinzu kommt, dass man sich bei einem offline Ereignis unterhalten und kennenlernen kann. Das alles war hier gegeben. 
    • Im Programm gab es keine Verspätung, jeder begann und machte pünktlich Schluss. Wenn jemand über die Zeit hinaus reden wollte, gab man der Person höflich Bescheid, die Rede zu beenden.
    • Die Vorträge waren gut strukturiert, jeder Sprecher war gut vorbereitet, hielt solide Reden, man konnte ihm gut folgen. Jeder Vortrag dauerte mindestens 30 Minuten, auf diese Weise konnte jedes Thema gründlich erläutert werden. 

    Reise, Ausgaben, Unterhaltungen  

    In Deutschland reise ich gern mit der Bahn. Zurzeit verspäten sich die deutschen Züge ärgerlicherweise sehr oft, jedoch ist dies immer noch die billigste und zuverlässigste Weise innerhalb Deutschlands zu reisen. In den Städten ist das Fahrrad die beste und einfachste Alternative.

    Vom Münchner Bahnhof aus dauerte die Fahrt mit dem Fahrrad 20 Minuten. Die Straßen sind breit, man kann fast überall mit dem Fahrrad fahren – man sollte nur darauf achten, dass die Radfahrer hier viel schneller unterwegs sind als in kleineren Städten.

    Die Veranstaltung fand im Gebäude der Bayerischen Katholischen Akademie statt. Der Veranstaltungsort und die Organisation waren perfekt, der Preis für die Veranstaltung betrug 80 EUR. Es ist gut zu wissen, dass viele Veranstaltungen der BAS auch online und kostenlos verfügbar sind. Wenn uns die Events interessieren, müssen wir also nicht unbedingt reisen, um daran teilzunehmen.

  • 5 Anzeichen von Co-Abhängigkeit bzw. Kodependenz

    5 Anzeichen von Co-Abhängigkeit bzw. Kodependenz

    Co-Abhängigkeit (Kodependenz oder Beziehungsabhängigkeit) ist die lebenslange Qual des scheinbar hilfsbereiten und selbstlosen Menschen. Diese Person gibt anderen immer nach und kann nicht nein sagen, wenn jemand Hilfe braucht. Diese Person hilft auch, wenn sie nicht darum gebeten wird.

    Diese Person hilft dem Partner aus der Patsche, auch wenn der andere eigentlich schon längst zum Teufel gejagt werden sollte. Und er oder sie wird auch eine missbräuchliche oder von Alkohol geprägte Beziehung nicht verlassen, weil ihn oder sie die Schuldgefühle auffressen würden.

    Diese Person lebt ihr Leben lang das Leben anderer und vernachlässigt ihr eigenes. Doch wie erkennt man Co-Abhängigkeit? Und wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

    Merkmale der Co-Abhängigkeit

    Der Co-Abhängige wird von anderen und von sich selbst oft als hilfsbereites Mitglied der Familie oder der Gemeinschaft wahrgenommen: Man kann sich immer darauf verlassen, dass er hilfst, wo immer er kann, und dass er zu fast nichts nein sagt.

    Erkennst du dich selbst? Wenn du selbst betroffen bist, wirst du jetzt vielleicht feststellen, dass du, egal wie schwer es ist, egal wie sehr es dich belastet, du dich immer um alles kümmern und helfen wirst, wo du kannst, auch wenn du dir viel gefallen lassen musst.

    Vielleicht fällt es dir schwer, deine eigenen Grenzen abzustecken, und so „schwappen“ die Bedürfnisse anderer auf dich über: Es sind die Bedürfnisse anderer, aber sie werden zu deinen, sie bedrängen dich. Du fühlst dich verantwortlich für Dinge, für die du nicht verantwortlich sein solltest. Das ist furchtbar frustrierend, denn in Wahrheit ist es fast unmöglich, das Verhalten anderer zu beeinflussen und zu kontrollieren. Du fühlst dich wie ein Opfer: Du machst alles, du nimmst alles auf dich, aber es wird dennoch nicht besser.

    Wer wirklich kodependent ist, hat wenig Selbstwertgefühl, hält seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht für wichtig und kann Konflikte nicht für sich selbst austragen. Wenn du so lebst, gibst du dein eigenes Leben für das anderer auf, auch wenn dich niemand darum bittet. Und deshalb sammeln sich Ärger und Groll in dir an, auch wenn du es nicht wirklich fühlst oder bemerkst. Das kann krank machen, und tatsächlich: Co-Abhängigkeit ist ein ernstzunehmender Risikofaktor für chronische Krankheiten.

    Aber das muss nicht so bleiben, und du musst auch nicht krank davon werden. Der Ausstieg aus der Co-Abhängigkeit ist möglich und ein fantastisches Abenteuer.

    Es ist wunderbares Erlebnis, wenn du plötzlich tief im Herzen spürst, dass du ein Recht auf dein eigenes Leben hast und dass es nicht falsch ist, andere ihren eigenen Irrweg gehen zu lassen.

    🧪 Selbsttest Co-Abhängigkeit

    Beantworte die folgenden Fragen ehrlich mit Ja oder Nein:

    • Fühlst du dich verantwortlich für die Gefühle und Handlungen deines abhängigen Angehörigen?
    • Hinterfragst du deine eigenen Gefühle?
    • Ignorierst du deine eigenen Bedürfnisse?
    • Ziehst du dich von anderen Menschen zurück und fühlst dich isoliert?
    • Versuchst du, deinen abhängigen Angehörigen zu retten, auch wenn du dabei deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche vernachlässigst?
    • Fühlst du dich schuldig, wenn du Fehler gemacht hast?
    • Fühlst du dich verpflichtet, deinen Angehörigen davon abzuhalten, den ersten Schluck zu nehmen?
    • Versuchst du, den Anschein zu wahren, dass zwischen euch alles in Ordnung ist, und die Abhängigkeit deines Angehörigen zu verbergen?
    • Hast du das Gefühl, dass die Alkoholabhängigkeit deines Angehörigen dein ganzes Leben beeinflusst?
    • Fühlst du dich oft hilflos und erschöpft?
    • Versuchst du, Dinge zu bewältigen, über die du keine Kontrolle hast?
    • Beeinträchtigt der Zustand deines alkoholabhängigen Angehörigen dein Wohlbefinden?
    • Wird dein Selbstwertgefühl dadurch beeinträchtigt, wie dein abhängiger Angehöriger dich sieht?
    • Fällt es dir schwer, nein zu sagen?
    • Hast du Angst davor, das Leben mit deinem abhängigen Angehörigen nicht mehr teilen zu können?
    • Fällt es dir schwer, deine eigenen Gefühle auszudrücken?

    Je mehr Fragen du mit „Ja“ beantwortest, desto wahrscheinlicher ist es, dass du dein Leben als Co-Abhängiger lebst. Es geht nicht darum, ob bei dir eine Co-Abhängigkeit diagnostiziert wurde oder nicht. Es geht darum herauszufinden, wie du dich verändern kannst.

    Wie kommst du aus der Co-Abhängigkeit heraus?

    Heilung geschieht nicht über Nacht, und es ist leicht, wieder rückfällig zu werden.

    Wenn du deinen alkoholabhängigen Mann verlässt, ist es leicht, sich in einen anderen Alkoholiker zu verlieben. Und wenn du auch ihn losgeworden bist, wirst du dich zu einem Dritten hingezogen fühlen. Genauso wie Alkoholiker oder Drogensüchtige immer wieder das Verlangen verspüren.

    Sie sind süchtig nach Alkohol, du bist süchtig danach, dass die andere Person sich immer wieder betrinkt. Deshalb ist es am wichtigsten, dass du dir als Co-Abhängiger dein Problem bewusst machst und zumindest im Kopf verstehst, dass du in erster Linie für dich selbst verantwortlich bist und nicht für das Leben anderer. Sobald du das verstanden hast, kommst du aus dem Loch heraus.

    Wenn du dich an die Genesungsarbeit machst, kannst du dich mit der Zeit vollständig von der Co-Abhängigkeit erholen und die Kontrolle über dein eigenes Leben zurückgewinnen.

    1. Verlust der eigenen Existenz

    Deine Eigene Existenz

    „Nichts ist schmerzhafter, als sich selbst zu verlieren, weil man andere zu sehr liebt und dabei vergisst, dass man selbst außergewöhnlich ist.“ – Ernest Hemingway

    Versuche, deine Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen. Das kann schwierig sein, weil du sie durch ein verzerrtes Prisma wahrnimmst. Co-Abhängigkeit ist wie Farbenblindheit: Der Farbenblinde sieht die Farben, weiß aber nicht, welche Farbe zu welcher Form gehört und wie sie sich zu den anderen Farben verhält.
    So geht es auch dir: Oft nimmst du deine Bedürfnisse nicht wahr. Manchmal nimmst du sie wahr, aber durch einen Filter, der sie verzerrt und als falsch, unmoralisch oder unwürdig erscheinen lässt. Schlimmer noch, du nimmst die Bedürfnisse anderer Menschen als deine eigenen wahr, was deine eigenen Bedürfnisse noch mehr verdunkelt. Aber trotz alledem sind deine Bedürfnisse und Wünsche in deinem Herzen, sie schlagen in dir und werden nicht verstummen, bis du anfängst, dich um sie zu kümmern.

    Eine Psychotherapie kann sehr hilfreich sein, um deine eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Aber es hilft auch, wenn du beginnst, dir selbst bewusst zuzuhören, ohne zu urteilen. Es lohnt sich, deine Gefühle zu untersuchen und dich in jedem Fall zu fragen, ob es deine eigenen Gefühle sind oder die eines anderen; ob es dein eigenes Bedürfnis, dein eigener Wunsch oder der eines anderen ist. Schritt für Schritt wirst du in der Lage sein, deine eigenen Bedürfnisse zu(zu)ordnen, und die Umrisse deiner Bedürfnisse werden sich zeigen.

    2. Vernachlässigung der Selbstfürsorge

    „Es gibt nur eine Ecke des Universums, die du verbessern kannst, und das ist deine eigene Seele.“ – Aldous Huxley

    Wenn du dich zwanghaft um andere kümmerst, schwächst du deine Fähigkeit, dich mit dir selbst zu verbinden. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn du anfängst, dich um dich selbst zu kümmern, auch gegen deinen inneren Antrieb, wird dir das helfen, ein besseres Gefühl für dich selbst zu entwickeln. Nicht sofort, aber schon nach wenigen Wochen wirst du Veränderungen spüren.

    Jede Aktivität, die dir Spaß macht, ist geeignet, deine Selbstfürsorge zu verbessern. Das kann ein Abendspaziergang sein, ein Treffen mit Freunden oder Verwandten, ein Film allein oder einfach nur ein Bad in der Wanne. Es spielt keine Rolle, Hauptsache du genießt die Tätigkeit und machst sie zu deiner Sache. Und wenn du dir das Tag für Tag, Woche für Woche gönnst, wirst du immer wieder die Erfahrung machen, dass du dich mit dir selbst verbinden kannst, dass du dich wertvoller siehst und fühlst und dass du allmählich deine Bedürfnisse stärker zu spüren beginnst.

    Nicht nur einzelne Aktivitäten können wertvoll sein, sondern auch die Gestaltung des Lebens in der Familie. Du kannst nicht nur das Essen kochen, das dein Mann mag, und du kannst nicht nur das Haus so dekorieren, wie es deiner Frau gefällt: Du kannst auch kochen und machen, was DU willst. In den tausend kleinen Momenten deines Tages findest du Details, die du nach deinem Willen gestalten kannst.

    3. Die Unfähigkeit, den anderen loszulassen

    Die Anderen loslassen

    „Man muss verstehen: Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. Die Menschen fühlen, was sie fühlen wollen; sie denken, was sie denken; sie tun, was sie glauben, tun zu müssen; und sie werden sich nur ändern, wenn sie bereit sind, sich innerlich zu ändern. Die einzige Person, die wir jemals ändern können, sind wir selbst. Die einzige Person, die wir kontrollieren können, sind wir selbst.“ – Melody Beattie

    Die co-abhängige Person möchte helfen und hat Schwierigkeiten zu verstehen, dass niemandem wirklich geholfen werden kann, weil jeder sein eigenes Leben lebt und jeder für sein eigenes Leben verantwortlich ist. Man kann bei kleinen Dingen helfen, aber man kann nicht das Leben eines anderen Menschen in Ordnung bringen.

    Das ist kein moralischer Nihilismus und bedeutet auch nicht, dass man den anderen in Ruhe lassen soll. Es bedeutet, dass das Leben eines jeden Menschen erst dann vollständig ist, wenn er sein eigenes Leben lebt, wenn er lernt, Verantwortung für seine eigenen Entscheidungen und Fehler zu übernehmen, und wenn er die Konsequenzen seines Handelns allein trägt. Menschen leben nicht gut, weil sie die richtigen Entscheidungen treffen, sondern weil sie Entscheidungen treffen und daraus lernen. Wer den anderen immer rettet, ihm immer sagt, was er tun soll, verhindert, dass der andere erwachsen wird und der andere wird nie sein eigenes Leben leben. Wer in allem helfen will, beraubt den anderen.

    Wirkliche Hilfe ist, wenn ich der anderen Person erlaube, die Dinge auf ihre eigene Art und Weise zu vermasseln oder zu lösen und auf ihre eigene Art und Weise weiterzumachen und die Konsequenzen selbst zu tragen. Wenn du der anderen Person wirklich helfen willst, ist das Beste, was du tun kannst, sie in Ruhe zu lassen.

    4. Verlust der eigenen Grenzen

    Verlust der eigenen Grenzen

    „Wenn du deine eigenen Grenzen schützt und mit Würde, Liebe und Entschlossenheit „Nein“ sagst, bringst du anderen bei, wie man mit Grenzen umgeht.“ – Doreen Virtue

    Die Grenzen co-abhängiger Personen sind beeinflussbar und durchlässig. Sie haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche von denen anderer zu trennen. Sie können die Bedürfnisse anderer als dringend wahrnehmen, während sie für ihre eigenen Bedürfnisse oft nicht empfänglich sind. Sie verlangen unbewusst, dass der andere seine Bedürfnisse wahrnimmt, ausdrückt und erfüllt.

    Deshalb kommt es oft vor, dass die co-abhängige Person etwas tut, wenn der andere sie darum bittet, obwohl sie weiß, dass sie es nicht will oder dass es für sie falsch wäre. Und umgekehrt: Dinge, die in ihrer Verantwortung liegen, nimmt sie als Verantwortung der anderen Person wahr und empfindet sie auch so.

    Als co-abhängige Person ist es wichtig, sich immer wieder zu fragen, ob das, was man fühlt, das eigene Bedürfnis oder der eigene Wunsch ist oder das der anderen Person. Und genauso wichtig ist es, zu prüfen, ob das, was DU von anderen erwartest, nicht etwas ist, wofür du die Verantwortung übernehmen solltest.

    5. Mangel an offener Kommunikation

    Kommunikation

    „Ehrlichkeit heilt, auch wenn sie scheinbar Wunden aufreißt oder schmerzhaft ist. Wenn du mit Vertrauen in ein Gespräch gehst, wirst du feststellen, dass sich alles von selbst ergibt.“ – Mónika Arató

    Die co-abhängige Person kennt keine klare Kommunikation und spielt unbewusst und ungewollt Spiele.

    Spiele spielen bedeutet, der anderen Person nicht zu sagen, was man will, sondern die Situation so lange zu verdrehen, bis die andere Person etwas tun muss. Und dann erwarten wir, dass die andere Person genau das tut, was wir wollen. Aber wir sagen ihr nicht, was wir wollen, sondern wir zwingen sie, es herauszufinden.

    Co-Abhängige haben nicht gelernt, klar zu kommunizieren und fühlen sich nicht im Recht, dem anderen einfach zu sagen, was sie wollen. Deshalb lassen sie sich auf viele Konflikte und Spielchen ein.

    Es hilft Co-Abhängigen, sich in einfacher und direkter Kommunikation zu üben und immer öfter zu versuchen, der anderen Person einfach und kurz zu sagen, was sie will oder nicht will.

    Was nun?

    Co-Abhängigkeit kann eine lebenslange Belastung sein. Es ist wichtig, so früh wie möglich mit der Arbeit an sich selbst zu beginnen. Es lohnt sich, eine Psychotherapie zu machen und andere Co-Abhängige kennen zu lernen, denn aus diesen Beziehungen kann man viel lernen.

    Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen für Angehörige von Abhängigen ist auf jeden Fall zu empfehlen, wenn du die Möglichkeit dazu hast.

    Bücher und Lektüre zum Thema Co-Abhängigkeit

  • Sucht und Abhängigkeit – Was ist das? Wie kann man es behandeln?

    Sucht und Abhängigkeit – Was ist das? Wie kann man es behandeln?

    Sucht ist definiert als die „Gewöhnung an ein schädliches Verhalten, das der Süchtige gegen seinen Willen wiederholt“. Bei der Behandlung von chemischen und Verhaltenssüchten gibt es heute ganz neue Ansätze.

    Nach dem traditionellen Verständnis ist Sucht eine Krankheit, die nicht geheilt, sondern nur kontrolliert werden kann. Die moderne neurowissenschaftliche und psychologische Forschung legt jedoch nahe, dass es sich bei einer Sucht eher um einen Anpassungsversuch des Menschen an eine ausweglose Situation handelt. Im Hintergrund stehen Leiden, Hilflosigkeit, Entfremdung vom eigenen Körper und Einsamkeit. Wenn wir Sucht auf dieses Weise verstehen, können wir gleich die Wege zur Genesung erkennen.

    Sucht und Abhängigkeit

    Was ist eine Abhängigkeit?

    Nach Gábor Máté kann Abhängigkeit als ein Verhalten verstanden werden, an dem wir trotz seiner Schädlichkeit festhalten.

    Es handelt sich um eine zwanghafte Bindung, die die Person nicht kontrollieren kann. Das Suchtverhalten kehrt von Zeit zu Zeit wieder oder verursacht zumindest ein schmerzhaftes Verlangen, wenn der Süchtige keinen Zugang zum Objekt seiner Sucht hat. Der Entzug des Objekts des Verlangens verursacht Reizbarkeit, Unruhe oder Angst. Das Suchtverhalten ist ein innerer Automatismus, der gegen den Willen aktiviert wird.

    Zentrifugale Dynamik der Abhängigkeit

    Das Wesen der Sucht besteht darin, dass sie die Persönlichkeit von ihrer eigenen Mitte und Präsenz nach außen drängt.

    Wer süchtig ist, kann sich nicht auf sich selbst konzentrieren, kann nicht bei sich sein. Man verliert das Gefühl für den eigenen Körper. Es wird unmöglich, Intimität zu erleben, und die meisten Menschen können sich nicht auf alltägliche Aktivitäten konzentrieren. Man muss kein Alkoholiker sein, um diese Erfahrung zu machen: Kaufsucht, Nikotinsucht oder Spielsucht haben den gleichen Effekt.

    Jeder kann beobachten, was passiert, wenn man Lust hat. Man verspürt weder Hunger noch Durst, viele Menschen merken nicht, dass sie frieren oder Schmerzen haben. Das Denken wird eingeengt, man verliert den Kontakt zum eigenen Willen und ist nicht mehr in der Lage, sein Handeln bewusst zu steuern.

    Es geht nicht darum, wo man ist, sondern wo man nicht ist. Es ist nicht innen, sondern außen: Die Persönlichkeit ist aus ihrem inneren Zentrum getreten und kreist nur mehr um das Objekt der Sucht.

    In diesem Gravitationsfeld haben die wahren Bedürfnisse der Persönlichkeit keine Priorität mehr. Worte der Alltagssprache beschreiben genau, was geschieht: gefangen sind in der Maschine, abrutschen, hineingesogen werden, hineinfallen, zurückfallen. In all diesen Ausdrücken steckt die Trägheit des Menschen und das Abdriften in die Sucht. Die Sucht treibt sich selbst an, sie braucht keine Ressourcen, keine Verstärkung von außen.

    Wie kommt es zu dieser Funktionsweise?

    Der Mythos der abhängigen Persönlichkeit

    Zunächst sollten wir klären, was nicht dazu führt.

    Es ist üblich, Menschen mit einer Suchterkrankung als Abhängige zu bezeichnen. Jemand gilt als Suchtpersönlichkeit, wenn er eine genetische Veranlagung hat, eine Verhaltens- oder Substanzabhängigkeit zu entwickeln.

    Das ist irreführend: Es gibt genetische Faktoren, die an der Entwicklung von Sucht beteiligt sind, aber das Ausmaß, in dem diese Faktoren zum Tragen kommen, hängt von einer Reihe anderer, wichtigerer Faktoren ab. Außerdem: Es gibt kein Gen oder eine genetische Veranlagung, die für Sucht verantwortlich ist.

    Das Konzept der Suchtpersönlichkeit impliziert, dass alle Suchtkranken gleich sind. Das stimmt nicht: Jeder wird auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmaß anfällig für eine Substanz, und jeder geht anders damit um. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber wichtiger sind die Unterschiede.

    Suchterkrankungen wurzeln zum großen Teil in Lebensereignissen und sozialen Situationen, die die persönliche Entwicklung und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft behindern. Und diese individuellen psychologischen Faktoren können verändert und beeinflusst werden. Es ist wichtiger, sich auf diese Faktoren zu konzentrieren, als jemanden einfach als süchtig zu bezeichnen. Schauen wir uns diese Faktoren an.

    Wie kann ich einen geliebten Menschen dazu bringen, Hilfe beim Ausstieg zu suchen?

    Abhängigkeit und Trauma

    Roland Voigtel, Edward J. Khantzian, Peter A. Levine und Bruce K. Alexander sind sich einig, dass Sucht eine Erfahrung ist, die das Gefühl der Sicherheit, das Vertrauen in die Welt und die menschlichen Beziehungen des Süchtigen grundlegend erschüttert hat.

    Hinter der Abhängigkeit verbergen sich Leid, Trauma und Einsamkeit.

    Abhängigkeit und Trauma
    Kevin Grass: Consequences [Konsequenzen] Quelle: addictionart.org

    Das kann ein Unfall sein oder der Verlust eines geliebten Menschen. Es kann sich also um eine schwere, einmalige Tragödie handeln. Es kann aber auch sein, dass jemand in seiner Kindheit und Jugend nicht die elementare Erfahrung der emotionalen Einstimmung, der Harmonie gemacht hat: Das heißt, dass die Eltern ihr Kind nicht nur geliebt und umsorgt haben, sondern auch Tag für Tag emotional mit ihm verbunden waren und ihm ein tiefes Gefühl von Trost und echter Zugehörigkeit vermitteln konnten. Das Fehlen eines solchen Gefühls wird als Entwicklungstrauma bezeichnet.

    Ein Trauma ist eine Abwehrmaßnahme des Nervensystems: Es trennt den Menschen von seinem inneren Erleben. Dies ist notwendig, weil diese Erfahrungen schmerzhaft und belastend waren und unterdrückt werden mussten, um überleben zu können. Das Nervensystem trennt sich aber nicht nur von der spezifischen traumatischen Erfahrung, sondern stumpft das gesamte emotionale Erleben ab. Dies geschieht besonders häufig bei Opfern von Entwicklungstraumata.

    Hier kann eine Abhängigkeit entstehen:

    1. Eine Person, die von ihrem eigenen Körper und ihren eigenen Gefühlen abgeschnitten ist, benötigt möglicherweise Drogen, um den Schmerz weiter zu dämpfen und so den neurologischen Prozess der Betäubung der durch das Trauma ausgelösten Gefühle zu unterstützen. In solchen Fällen kann der Konsum von Alkohol oder Drogen Teil des Abwehrsystems sein. Die Sucht ist in diesem Fall genauso zerstörerisch wie sonst auch, aber sie hat für die Person eine nützliche Funktion.
    2. Da die traumatisierte Person aus der Welt gefallen ist und nichts hat, woran sie sich festhalten kann, können Drogen Stabilität und Zuflucht bedeuten. Der Süchtige hat das Gefühl, dass er niemanden hat, dem er wirklich nahe sein kann, aber die Droge gibt ihm Sicherheit, auch wenn sie ihn umbringt.
    3. Die Sucht wiederholt auch die Hilflosigkeit, die man während eines Traumas erlebt. So wie man sich während des Traumas hilflos fühlt, fühlt man sich auch gegenüber der Sucht hilflos. Das Trauma hat einen zu Fall gebracht und beraubt, die Sucht hat ihn hinweggefegt. Diese beiden Erfahrungen haben viel gemeinsam. Tatsächlich verursachen stoffgebundene Süchte in allen Fällen ein besonderes körperliches Trauma, da im Suchtzustand giftige Chemikalien in den Körper freigesetzt werden.

    Bodenlosigkeit und Einsamkeit

    Hinter der Abhängigkeit verbirgt sich oft eine besondere Form der Traumatisierung: die Einsamkeit. Das Gefühlsleben eines Menschen kann nur in der Gemeinschaft mit anderen erfüllend sein. Intimität, Liebe, Freundschaft, ein familiäres Zuhause und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft sind Grundbedürfnisse jedes Menschen. Wer Tag für Tag der intimen menschlichen Nähe beraubt wird, leidet ständig, auch wenn er sich an diesen Zustand so gewöhnt hat, dass er ihn gar nicht mehr wahrnimmt.

    Einsamkeit kann auch entstehen, wenn wir uns in der Hektik des Alltags nur noch auf die Arbeit konzentrieren und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen vernachlässigen. Die ständige Angst vor Hektik und existenzieller Unsicherheit schwächt die zwischenmenschlichen Bindungen, und so suchen und finden wir oft Zuflucht in süchtigen Ersatzhandlungen: Schönheitssucht, zwanghaftes Sporttreiben, Essanfälle und jede andere Sucht sind bei Menschen, denen es an enger menschlicher Begleitung mangelt, häufiger anzutreffen.

    Die Tragödie eines abhängigen Lebens

    Fassen wir zusammen, was wir bisher festgestellt haben:

    • die Sucht stumpft die Gefühlsfähigkeit ab;
    • sie traumatisiert den Menschen;
    • sie isoliert von anderen Menschen;
    • sie greift das Zentrum emotionaler Stabilität und den Ort menschlicher Beziehungen an.

    Ein Trauma führt zur Sucht, und die Sucht wiederum führt zu einem Trauma, das die Sucht erneut auslöst. Das Leben des Süchtigen ist also ein Leben in einem Karussell. Die Abhängigkeit gräbt sich immer tiefer in das Loch, das das Trauma gegraben hat. Je tiefer das Loch, desto weniger sieht man sich selbst, die anderen und die Möglichkeit eines erfüllteren Lebens.

    Der Sinn des menschlichen Daseins besteht darin, sich selbst zu erkennen und in Gemeinschaft mit anderen zu leben: zu lieben, zu erziehen, zu lernen, zu umarmen. Die Sucht beraubt uns unweigerlich all dessen und ersetzt jeden lohnenden Moment des Daseins durch eine Flasche Bier.

    Sucht und Selbsterkenntnis

    Abhängigkeiten entstehen nicht durch böse Drogen, sondern durch unerfüllte menschliche Bedürfnisse. Deshalb lösen oft starke Gefühle ein Suchtverlangen aus. Angst, Hoffnung, Sehnsucht, Liebe, Hass und oft auch Langeweile, die nichts anderes ist als ein Grundgefühl von uns selbst, wenn wir nichts haben, um es zu füllen. Je stärker ein Gefühl ist, desto stärker kann die Sehnsucht sein.

    Und welches tiefe Gefühl auch immer aufblitzt, das Fangeisen der Abhängigkeit schnappt zu wie eine Rattenfalle. Die Sucht ist ein Parasit der Gefühle. Und genau das gibt denen Hoffnung, die sich aus den Fängen der Sucht befreien wollen.

    Der Schlüssel zur Genesung liegt darin, dass der Süchtige beginnt, diesen Grundbedürfnissen und Emotionen Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist selten möglich, mit der Sucht aufzuhören, indem man sich immer wieder zwingt, morgen ein neues Leben zu beginnen. Die wirkliche Veränderung tritt ein, wenn sich die Person auf eine Reise begibt, nämlich jene der Selbstentdeckung, und emotional reiche menschliche Beziehungen aufbaut.

    Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem Weg von der Sucht zu beginnen. Hier sind einige Möglichkeiten:

    • Verhaltenstherapeutische Ansätze können für sich selbst bewusste, gut funktionierende Süchtige sehr hilfreich sein. Es wurden viele kreative Methoden entwickelt, um die Abhängigkeit zu kontrollieren und die Suchtreflexe des Gehirns neu zu „verkabeln“. Sie zielen nicht auf die Willenskraft ab, sondern helfen den Süchtigen, ihr eigenes Gehirn effektiv zu „hacken“. Ein gutes Beispiel dafür ist das Buch von Prochaska, Norcross und DiClemente, Ein wirklicher Neuanfang.
    • Die Gruppen der Anonymen Alkoholiker haben weltweit vielen Menschen geholfen, ihren Alkoholismus in den Griff zu bekommen. Die Anonymen Alkoholiker versprechen nicht, die Teilnehmer zu heilen, aber sie versprechen, eine einladende Gemeinschaft zu bieten und zu helfen, die Sucht für den Rest des Lebens unter Kontrolle zu halten. Die Anonymen Alkoholiker organisieren Gruppen für eine Vielzahl von Süchten und sind auch in kleineren Gemeinden zu finden.
    • Dann gibt es die traditionelle Psychotherapie. Die klassische Form ist die Gesprächstherapie, bei der man in einem Sessel sitzt und in Ruhe über sich selbst spricht und nachdenkt. Psychotherapie ist eine große Reise zu sich selbst und kann helfen zu verstehen, warum man trinkt, raucht oder Drogen nimmt.
    • In Deutschland gibt es heute wenige bekannte Schulen für körperorientierte Therapien. Sucht wird durch Trauma verursacht, und Trauma lähmt das Nervensystem und den Körper. Körperorientierte Therapien setzen genau hier an. Hier hat man die Möglichkeit, die Suchtimpulse in Ihrem Inneren nicht nur zu verstehen, sondern auch durch konkrete körperliche Prozesse zu lösen.
    • Teil einer Gemeinschaft sein. Eines der besten Mittel gegen Sucht ist die enge Einbindung in die örtliche Gemeinschaft, sei es der örtliche Sportverein, die örtliche Kirche, eine Gruppe von Freunden oder sogar ein Yoga-Club. Je mehr menschliche Beziehungen man aufbaut, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ein „Trostpflaster“ braucht.

    Was auch immer du wählst, es wird gut sein. Es wird nicht gut sein, weil man sofort die richtige Lösung findet. Jedem wird auf andere Weise geholfen. Das Beste, was man tun kann, ist, sich für eine zu entscheiden, sie auszuprobieren und zu sehen, was sie einem bringt. Wichtig ist, dass man, wenn man das Gefühl hat, dass ein Weg nicht funktioniert, nicht jahrelang feststeckt, sondern den nächsten ausprobiert. Man muss in Bewegung bleiben und spüren, wie man Monat für Monat aus dem Loch herauskommt.

    Für das eigene Trauma und die eigene Sucht ist man nicht selbst verantwortlich, und man sollte sich keinen Moment dafür schämen. Aber nur man selbst kann am meisten für die eigene Genesung tun.

    Weiterführende Literatur

    Häufig gestellte Fragen

    Was bedeutet das Wort Abhängigkeit?

    Abhängigkeit bedeutet, von einer Substanz oder einem Verhalten abhängig zu sein. Die Bedeutung von Abhängigkeit ist Sucht. In der deutschen Sprache sind Sucht und Abhängigkeit gleichbedeutend.

  • Alkoholiker in der Familie – Was Angehörige tun können – 9 wirksame Tipps

    Alkoholiker in der Familie – Was Angehörige tun können – 9 wirksame Tipps

    Alkoholiker in der Familie zu haben, kann eine große Herausforderung für alle darstellen. Der Alkoholismus in der Familie wirkt sich nicht nur auf den Betroffenen selbst aus. Die Alkoholsucht belastet auch Angehörige stark!

    (mehr …)